Mit Hormonpräparat und Webcam – selbstdokumentarische Praktiken in Trans*-Vlogs

„Documentary has been the dominant medium for the New Trans Cinema“, konstatiert B. Ruby Rich und spricht diesem NTC die Energie des frühen New Queer Cinemas zu. Dabei scheinen die technischen Möglichkeiten digitaler Filmproduktion, die nahezu jeder Person die audiovisuelle Aufzeichnung der eigenen geschlechtlichen Transition ermöglichen, als wichtige Voraussetzung der Entwicklung. Zugleich hält Rich den Dokumentationen dieses „film and digital movement[s]“ einen formalen Konservatismus vor, der in der strengen Chronologie und dem Verharren in einem„eternal present tense“ zum Ausdruck komme und damit die experimentellen Möglichkeiten gerade digitaler Film- und Videoproduktion nicht nutze.

Mein Dissertationsprojekt, das ich im Rahmen des FFKs zur Diskussion stelle, nimmt diese Gedanken von Rich auf, verschiebt den Fokus jedoch vom ‚film‘ auf den Aspekt des ‚digital movement‘ im Kontext der Dokumentation von Trans*. Zahlreiche Transmenschen halten ihre Transition in Vlogs auf YouTube öffentlich fest. Diese Form der Selbstdokumentation setzt dabei die medialen Techniken und den geschlechtlichen Körper wie auch den Einsatz von Hormonen in ein wechselseitiges Verhältnis, das es aus verschiedenen Perspektiven zu untersuchen gilt, um das produktive Zusammenspiel von Dokumentarischem und Geschlecht differenzierter betrachten zu können: Unter anderem wird – da sich mein Projekt zentral mit der Hormoneinnahme als einer Technik der Transition im Medium des Vlogs auseinandersetzt – die Analyse des Wissens um Geschlecht in wissensgeschichtlichem Rückgriff auf die Entstehung der Endokrinologie erfolgen. Daran anschließend kommen der Einsatz von Hormonpräparaten und die Praxis des Vloggens als (mediale) Techniken der Selbstdokumentation in den Blick, die die Transition performativ bedingen statt einem, wie auch von Rich angedeutet, teleologischen Narrativ zu folgen.


Nach dem B.A.-Studium Medienkulturwissenschaft und Medienrecht an der Universität Köln hat Sarah Horn den M.A. Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum abgeschlossen. Am dortigen Institut für Medienwissenschaft ist Sarah Horn seit Oktober 2016 Kollegiat_in im interdisziplinären DFG-Graduiertenkolleg „Das Dokumentarische. Eszess und Entzug“ und forscht unter dem Arbeitstitel „Testo-Techniken. Transmännliche Körper in/mit/als dokumentarische Medien“ zu Selbstdokumentation im Internet.