Die jüngste Fotoforschung fokussiert die Fotografie nicht allein als Bild, sondern betrachtet das Fotografische als komplexes Handlungsgefüge, dem spezifische technisch-mediale, soziale, kulturelle und ästhetische Bedingungen zugrunde liegen, dem aber auch das Potenzial zu deren Störung und Modifikation innewohnt (Becker et al. 2016). Entstehung, Handhabung, Wahrnehmung und Zeigen der Fotografie entfalten gemeinsam mit den Diskursen über sie eine eigene komplexe Bild- und Blickmacht, die als Disziplinierungsmittel oder kreatives Potenzial wirksam werden kann. Dieses „fotografische Dispositiv“, das in der Forschung gerade erst ausdifferenziert wird, bildet auch den Ausganspunkt des Panels. Genauer soll es in den Beiträgen des Panels um die Grenzüberschreitungen des fotografischen Dispositivs gehen. Mit Grenzüberschreitungen sind hier sowohl die Migrationen fotografischer Spezifika in andere Medien gemeint, wie z. B. in aktuellen (Self-) Tracking-Technologien, als auch das Zusammenspiel verschiedener Mikro-Dispositive (Deleuze 1996) unter dem Etikett eines vermeintlichen fotografischen Makro-Dispositivs, wie beim Netzphänomen der Selfie-Fotografien. Vor diesem Hintergrund nähern sich die Beiträge dem Fotografischen gleichermaßen an, wie sie sich von ihm entfernen.

So geht es im Vortrag von Jasmin Kathöfer (Data Selfies – digitales Tracking als Erweiterung des fotografischen Indexbegriffs“) um die Fortführung des fotografischen Indexbegriffs im digitalen Tracking. Die mithilfe von pervasiven Medientechnologien gesammelten Daten, erzeugen digitale Spuren im Netz,  die zu Profilen zusammengefasst werden können. Hierbei geht sie der Frage nach, wie diese Spuren bzw. Profile in Zusammenhang mit dem Index stehen und zieht zur Illustration dessen u. a. die Arbeiten von Laurie Frick und die Maschine Memopol heran.

Der Beitrag von Christian Schulz („Selfie-Gefüge – kleine Ichs selber machen lassen“) vertritt die Position Selfies als komplexes Gefüge zu betrachten, in dem sich agency auf unterschiedliche menschliche und medientechnische Akteure verteilt. Ausgehend von den zentralen medientechnischen Bedingungen des Phänomens, spürt der Vortrag zunächst den Ko-Konstitutionen von Technologien und Praktiken nach, um in einem zweiten Schritt anhand der Graphical User Interfaces (GUI) der populären Foto-Sharing-Plattformen Instagram und Snapchat ermächtigende und unterwerfende Aspekte zu thematisieren. So wird deutlich, dass sich das Selfie nicht auf ein fotografisches Dispositiv reduzieren lässt.

Daran anknüpfend setzt sich Katrin Deja in ihrem Beitrag („Subversive Körper – Über die Möglichkeiten widerständiger Körperinszenierungen in Selfies“) mit der Frage auseinander, inwiefern der offene, aushandelnde Prozess von Körperinszenierungen in der Selfie-Kultur genutzt werden kann, um mit Hilfe von Selfies gegen geschlechterspezifisch stereotypische Körperinszenierungen und Body Images zu rebellieren. Ausgegangen wird hierbei von der These, dass die eigen inszenierte Körperperformance selbstreflexive Prozesse in Gang setzen kann, die den performativen Charakter von Körperdiskursen les- bzw. aufzeigbar machen.

Literaturachweise
  • Ilka Becker et al.: Fotografisches Handeln (Das fotografische Dispositiv Bd. I), , Kromsdorf, Weimar 2016.
  • Gilles Deleuze: Lust und Begehren, Berlin 1996.

 


Vortragende:

Jasmin Kathöfer (M.A.), seit Oktober 2016 Doktorandin im DFG-Graduiertenkolleg „Das fotografische Dispositiv“ an der HBK Braunschweig mit dem Thema „Dem Index auf der Spur. Das fotografische Dispositiv in aktuellen digitalen Körpertechniken des Tracking“ (Arbeitstitel). Studium an der Universität Siegen (Literatur Kultur Medien und Kunstgeschichte BA, Medienkultur MA) von 2009-2015, Oktober 2015 bis Mai 2016 Lehrauftrag an der Fachhochschule des Mittelstands (Köln), 2016 Mitarbeit im VW-Projekt „Die Gesellschaft nach dem Geld“ (Universität Bonn).


Christian Schulz (M.A.), seit Oktober 2016 Doktorand im DFG-Graduiertenkolleg „Das fotografische Dispositiv“ an der HBK Braunschweig mit dem Thema „#instagram: Mobile Selbstfotografie als Medium der Anerkennung“ (Arbeitstitel). Studium der Medienkulturwissenschaft und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen, von Oktober 2015 bis September 2016 Promotionsstipendiat im DFG-Graduiertenkolleg „Materialität und Produktion“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.


Katrin Deja (M.A.), seit Oktober 2016 Doktorandin im DFG-Graduiertenkolleg „Das fotografische Dispositiv“ an der HBK Braunschweig mit dem Thema „Making myselfie subversive – Erschließung des subversiven Potenzials von Körpertechniken in der Selfiekultur“ (Arbeitstitel). Studium der Sozial- und Medienwissenschaften an der HBK Braunschweig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Gender Studies, poststrukuralistische Theorien und digitale Medien.


Panel-Moderatorin:

Beate Pittnauer (Mag.), seit Oktober 2016 Doktorandin im DFG-Graduiertenkolleg „Das fotografische Dispositiv“ an der HBK Braunschweig mit dem Thema „L’image juste. Intermediale Analysen zum Verhältnis von Fotografie, Erinnerung und Text.“ Studium der Kunstgeschichte, Komparatistik und Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. 2014-2016 wissenschaftliche Volontärin am Westfälischen Landesmuseum, Münster. Kuratorische Assistenz von Ausstellungen zur Kunst der Moderne.