Vermittlungsstrategien der Kino-Wochenschau der 1950er/1960er Jahre (West-Ost)

Bevor sich das Fernsehen Ende der 1950er Jahre als Massenmedium in Deutschland etablierte, prägte die Wochenschau im Kino-Vorprogramm das Image der geteilten deutschen Nation. Neben der gebotenen Information über politische und wirtschaftliche Fortschritte wurden unterhaltende Berichte genutzt, um Normen und Werte einer demokratischen Gesellschaft zu vermitteln. Die Neue Deutsche Wochenschau (NDW) wurde Ende 1949 mit Initiative des Bundespresseamtes in Hamburg gegründet. In Ostdeutschland wurde die staatliche gelenkte Wochenschau Der Augenzeuge produziert.

Die 10-15 Berichte einer Wochenschau-Ausgabe, von den Produzenten ‚Stories‘ genannt, waren geradezu komponiert: Bilder, Kommentar und Musik ergaben durch den Schnitt und die Montage eine Narration. Jede Story war eingebunden in ein Gesamtkonzept der Ausgabe und somit wiederum in eine Erzählung: Sorgfältig gestaltete Übergänge von einem Bericht zum nächsten – durch gesprochenen Kommentar, Musik oder Bildanalogien, sorgten für ein ‚Fließen‘ der Inhalte. Die zweite Säule der Vermittlung besteht in einem Framing auf der Ebene eines einzelnen Berichtes und der Ausgabe (Frame-Elemente nach Entman, 1993).

Narration und Framing der west- und ostdeutschen Wochenschau lenkten die Aufmerksamkeit der Zuschauer und ließen politische Bedeutungen entstehen, gaben Orientierung in der Zeit des wirtschaftlichen Aufbaus und des Kalten Krieges. Im Sinne von Bordwell & Thompson können im Wochenschaufilm ‚Cues‘ identifiziert werden, die dem Zuschauer das ‚richtige‘ Verstehen ermöglichen sollten. Heute müssen wir diese Hinweisreize im Rahmen des (medien-) historischen Kontextes interpretieren. Der Beitrag für das FFK 2017 wird an Beispielen die besonderen Vermittlungsstrategien der west- und ostdeutschen Wochenschau durch die kompositorische Struktur, die verschiedenen Filmelemente und Übergänge verdeutlichen.

Abb.: Thema England in NDW Nr. 39
Abb.: Thema England in NDW Nr. 39 – Die Freiheitsglocke kommt nach Restaurierung in England zurück nach Berlin – in den Folgestories geht es um die Taufe von Prinzessin Anne und um einen Autosalon in London (Quelle: Screenshot von www.filmothek.bundesarchiv.de)

Dr. Sigrun Lehnert, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Hamburg, Studium Medienmanagement (M.A.) in Hannover, Promotion an der Universität Hamburg im Fach Medienwissenschaft mit einer Arbeit zu: „Wochenschau und Tagesschau in den 1950er Jahren“ (erschienen 2013, UVK-Verlag), Forschungsschwerpunkte: Audiovisuelle Vermittlungsstrategien in Film und Fernsehen. Das aktuelle Post-doc Projekt behandelt u.a. den wirtschaftlichen Aufschwung in der Kino-Wochenschau im Vergleich Ost und West.